100 Tage vollselbständig – eine Achterbahn der Gefühle


Der Sprung ins kalte Wasser
Ich habe gekündigt. Bewusst, vorbereitet, mit einem klaren Bild davon, was ich will.
Die ersten Wochen hatten etwas Rauschhaftes. Jedes Kundengespräch ein kleiner Beweis: Das funktioniert. Ich kann das. Der erste eigene Auftrag, die erste Rechnung mit meinem Namen drauf – das sind Momente, die ich nicht vergesse.
Und dann kommt Tag X. Eine ruhige Woche. Ein Angebot, das nicht zurückkommt. Ein Morgen, an dem die Motivation einfach nicht da ist – ohne erkennbaren Grund.
Das ist die Achterbahn. Hoch und tief, manchmal innerhalb eines einzigen Tages. Nicht wegen fehlender Struktur – Organisation ist meine Welt, das hatte ich früh im Griff. Was mich erwischt hat, war leiser. Schwerer zu greifen. Und viel ehrlicher.
Der Kopf hört nicht auf
Feierabend gibt es nicht mehr – zumindest nicht so, wie ich ihn kannte.
Nicht weil ich nicht aufhören kann zu arbeiten. Sondern weil die Verantwortung immer mitkommt. Wenn ein Auftrag zögerlich wird, wenn eine Woche ruhig ist, wenn ich ein Angebot abschicke und dann... warte.
Das ist das Neue. Nicht die Arbeit selbst. Sondern das, was zwischen der Arbeit passiert. Im Kopf.
Vergleiche, die ich mir nicht eingestehen wollte
Und als wäre das nicht genug, kommt von aussen noch etwas dazu.
Social Media ist eine merkwürdige Bühne, wenn man frisch selbständig ist.
Ich habe gescrollt und gedacht: Die anderen haben das schon. Die wissen schon, wie es geht. Die zweifeln nicht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass das natürlich nicht stimmt – aber bis man das wirklich fühlt, dauert es.
Was mir geholfen hat: Ich habe aufgehört, mich mit Leuten zu vergleichen, die schon drei Jahre dabei sind. Und angefangen, meine Woche 10 mit Woche 1 zu vergleichen. Das ist der einzig faire Massstab.
Sich die Freiheit auch wirklich erlauben
Dabei vergesse ich manchmal fast, was mich ursprünglich angetrieben hat.
Die grösste Motivation für meine Selbständigkeit ist nämlich, dass ich durch das remote arbeiten mir meine Zeiten selbst einteilen kann und nicht an einen fixen Rhythmus gebunden bin.
Das klappt. Aber was ich unterschätzt habe: Der Kopf zieht nicht einfach mit.
An einem Dienstagvormittag spazieren gehen, wenn die Sonne scheint – das ist möglich. Ich habe es mir erkämpft. Und trotzdem sitzt da diese innere Stimme, die fragt, ob ich das "darf". Ob ich nicht eigentlich arbeiten sollte. Ob andere gerade produktiver sind.
Die Freiheit zu haben ist das eine. Sie sich auch zu erlauben ist das andere.
Das ist vielleicht die unerwarteste Herausforderung dieser 100 Tage: nicht gegen Strukturen von aussen ankämpfen, sondern gegen den eigenen Kopf, der immer mehr verlangt – auch wenn es gar nicht nötig wäre.
Und trotzdem: Ja
Nach 100 aufregenden Tagen frage ich mich nun: Würde ich es wieder tun? Ja. Sofort.
Nicht weil es einfach war. Sondern weil ich in diesen 100 Tagen dank dieser Achterbahn mehr über mich, meine Arbeit und meinen Wert gelernt habe als in vielen Jahren zuvor.





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